ADHS und Social Media

Alles so schön bunt hier! Man kann sich stundenlang verlieren – und weiß gar nicht, wo die Zeit geblieben ist. Viele Eltern sehen ihre von ADHS geplagten Kinder mit Sorge (oder auch mal kurzfristiger Erleichterung) in den Untiefen des Online-Vergnügens abtauchen. Klar, danach fallen die Hausaufgaben umso schwerer. Aber wie sieht das eigentlich generell aus mit dem schillernden Medienkonsum und der Konzentrationsfähigkeit?

Eines vorweg: Social Media und Computerspiele können keine ADHS-Erkrankung auslösen! Dass ihr ausgiebiger Konsum Einfluss auf unsere Konzentrationsfähigkeit hat, ist allerdings inzwischen hinlänglich bekannt. Zudem droht ein hohes Suchtpotenzial, das so manchen exzessiven User dazu verführt, seine Lebensrealität aus den Augen zu verlieren. 

Wie so oft gibt es aber auch eine Kehrseite der Medaille. Denn wissenschaftlich erwiesen ist auch, dass Gaming gleichermaßen die Konzentration, Koordination und Reaktionsgeschwindigkeit trainieren kann. Das gilt allerdings in der Regel nicht für TikTok- oder Instagram-Videos. 

Hand aufs Herz: Wie fühlst du dich, wenn du mal wieder die Zeit vergessen hast und allerhand unterhaltsamen Input aufgesogen hast, den dir die App endlos immer weiter vorsetzt? Frisch und motiviert, zum Bäume-ausreißen? Oder eher ein bisschen stumpf, sozusagen medienverkatert? 

„Wir haben uns alle eine Aufmerksamkeitsstörung antrainiert“ 
Cornelia Exner, Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz an der Leipziger Universität, kennt das Phänomen. „Die schiere Menge an Informationen sind für uns alle eine Herausforderung“, weiß die ADHS-Expertin. Ihren Patienten rät sie, die Nutzung ein wenig einzuschränken – dies gehöre zu den Kompensationstechniken, um besser mit den Symptomen zurechtzukommen. Und solche Techniken können natürlich auch Menschen ohne ADHS helfen.

„Durch Arbeitstechniken, die sich zum Beispiel auch in der Corona-Zeit eingestellt haben, etwa Videokonferenzen, haben sich auch schlechte Gewohnheiten etabliert. Dass alle nebenbei noch ihre E-Mails checken oder noch auf dem Handy was machen, das heißt, wir haben uns – überhaupt nicht von ADHS befallen – alle eine Aufmerksamkeitsstörung antrainiert.“ Ein Gefühl der Überforderung im Alltag kann sich der Psychologin zufolge dann auch ganz ohne ADHS einstellen.

Digitale Reizüberflutung
Wenn wir surfen, unser Smartphone checken, sollten wir uns bewusst sein, dass elektronische Medien manipulativ darauf abzielen, unsere Aufmerksamkeit in den Bann zu schlagen. Social-Media Apps sind genau darauf konzipiert, dass unser Gehirn darauf anspringt. Deine Aufmerksamkeit und damit auch deine private Lebenszeit sind praktisch zur Währung geworden – du bezahlst damit für die Inhalte, ohne es zu merken.

Das Selektieren und Sortieren von Reizen fordert unserem Gehirn Höchstleistungen ab. Rund 10 Millionen Eindrücke pro Sekunde prasseln auf dich ein, wenn du etwa in der Bahn sitzt: Die Bewegungen und Gerüche deiner Sitznachbarn, ihr Deodorant, die Beleuchtung, der Luftstrom der Klimaanlage, die vielfältige Akustik, Durchsagen, der Blick aus dem Fenster sind nur einige davon. Die meisten kannst du herausfiltern, damit nicht alles auf einmal auf dich hereinströmt. Du selektierst, was in diesem Moment wichtig ist, um dich nicht zu überfordern. Genau diese Selektionsfähigkeit ist etwas, das ADHS-Patienten oft fehlt. 

Multitasking – keine echte Fähigkeit?
Gilt es eine Aufgabe zu lösen, kann sich das Gehirn nur auf eine Sache richtig konzentrieren. Auch wenn du kurz auf dein Handy schaust, geht dir in diesem Moment Zeit und Produktivität verloren. Diese Millisekunde nennt man „Cost of Switching“ – die Wechselkosten der Aufmerksamkeit.

Handy, Computer und Apps buhlen um diese Währung. Inhalte werden kürzer, leichter verdaulich. Und beim Scrollen durch Social-Media-Apps wird schlicht dein Belohnungssystem aktiviert – das stärkt wiederum das Suchtverhalten.

Während manche Wissenschaftler dies – und beispielsweise unser flüchtiger werdendes Leseverhalten – mit wachsender Sorge beobachten, melden sich andere Stimmen optimistischer, etwa an der Uni Amsterdam. Dort geht man nach Studien davon aus, dass sich unser Gehirn den neuen Anforderungen anpasst und unsere Aufmerksamkeit vielleicht einfach flexibler wird. Klar, ein bisschen Optimismus kann nicht schaden. Aber doch ist Vorsicht geboten im sorglosen Umgang mit den Online-Medien, die gar nicht mal unbedingt im wörtlichen Sinne „sozial“ sind.

FAZIT

Gegen die Manipulation unserer Aufmerksamkeit scheint kaum ein Kraut gewachsen. Aber es gibt gute Strategien, wie du deine Konzentration – und damit deine Selbstkontrolle – besser im Griff behalten kannst. Zum Beispiel ein Zeit-Limit. Regelmäßige Pausen mit etwas Bewegung und Beschäftigungen, die dir guttun, senken außerdem das Stresshormon Cortisol. Und dabei lässt du das stets verführerische Handy am besten mal eine Weile außer Reichweite.

Quellen und weitere Informationen:
https://www.mdr.de/wissen/medizin-gesundheit/adhs-und-soziale-medien-100.html
https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/konzentration-aufmerksamkeit-handy-konzentrationsfaehigkeit/