Reale vs. digitale Kommunikation

Früher wartete man noch wochenlang auf die Brieftaube. Heute versendet und empfängt man Nachrichten nahezu im Augenblick. Heimweh ist nur noch halb so schlimm, weil man seine Liebsten so oft und viel man will kontaktieren kann. Und mit netten Auslandsbekanntschaften, ehemaligen Mitschüler:innen oder fernen Freund:innen in Kontakt zu bleiben ist nun auch um einiges leichter. Durch digitale Kommunikationsmöglichkeiten erfahren wir, was in dem Leben der anderen passiert – und nehmen Anteil daran. So pflegen wir unsere Kontakte im Alltag nahezu beiläufig und über große räumliche Distanz hinweg. Was für ein Segen, nicht wahr?

Früher wartete man noch wochenlang auf die Brieftaube. Heute versendet und empfängt man Nachrichten nahezu im Augenblick. Heimweh ist nur noch halb so schlimm, weil man seine Liebsten so oft und viel man will kontaktieren kann. Und mit netten Auslandsbekanntschaften, ehemaligen Mitschüler:innen oder fernen Freund:innen in Kontakt zu bleiben ist nun auch um einiges leichter. Durch digitale Kommunikationsmöglichkeiten erfahren wir, was in dem Leben der anderen passiert – und nehmen Anteil daran. So pflegen wir unsere Kontakte im Alltag nahezu beiläufig und über große räumliche Distanz hinweg. Was für ein Segen, nicht wahr? 
Und doch werden die Technologien, die unser Leben umso vieles einfacher machen, oft stark kritisiert: Die Befürchtung, der virtuelle Kontakt könnte das reale Zusammensein verdrängen, ist nur eine davon. Kommunikation über WhatsApp und Co. – alles künstlich, alles nur Schein, alles oberflächlich?
Wie viel digitale Kommunikation ist gut für uns? Und was macht es mit unseren Beziehungen, wenn wir sie überwiegend virtuell pflegen? 

 

Beziehung 2.0

Status offline – das ist heute häufig nur noch der Ausnahmezustand. Der Großteil von uns ist ständig online. Ergibt ja auch Sinn – denn wir lachen, weinen, diskutieren und arbeiten zunehmend digital. Wir sind ständig in Kontakt – mit 5 Freunden:innen gleichzeitig über die verschiedensten Themen zu chatten ist heutzutage kein Problem mehr. Nebenbei schicken wir noch ein Foto der missglückten Lasagne an Mama und sehen uns die Storys von Freunden auf Costa Rica an. Informiert zu bleiben und andere zu informieren war noch nie so einfach.

 

Sprechen vs. Tippen

Vor allem die Messenger-Dienste haben die Art und Weise, wie und wann wir uns anderen mitteilen, revolutioniert. Süße Emoticons in Hülle und Fülle, blitzschnelle Antworten, Sprach- und Textnachrichten – all das begeistert Milliarden von Menschen rund um den Erdball. Ein Herz an den/ die Partner:in, ein Kaffee an den/die Kolleg:in und ein Kussmund an den Bruder - und schon hat man sich zu den verschiedensten Angelegenheiten in Sekundenschnelle mitgeteilt. Unsere Gesellschaft befindet sich im Dauerchat. Allerdings kann gerade der kleine, flüchtige Gruß per Chatnachricht leicht missverstanden werden und die berühmten blauen Häkchen können heutzutage schonmal Beziehungskrisen auslösen. WhatsApp und Co. sind geradezu Brutstätten für Missverständnisse. Oft wird eine Kurznachricht der vielfältigen zwischenmenschlichen Kommunikation eben einfach nicht gerecht. Bei simplen Angelegenheiten können die Emoticons uns vielleicht noch aushelfen. Aber auch wenn sie noch so vielfältig sind, spätestens, wenn die Themen komplexer oder emotionaler werden, reicht ein trauriges Gesichtchen als Antwort allein nicht mehr aus.

 

Von Angesicht zu Angesicht

Nehmen wir die Face-to-Face-Kommunikation: ein Schmunzeln um die Lippen, eine flüchtige Berührung am Arm oder die Art und Weise, wie das Gegenüber den Blick senkt – all dies wird uns bei echter Interaktion vermittelt. Übrigens auch in Sekundenschnelle. Unsere Sinne sind dabei hochaktiv, wir antworten und hören in Echtzeit sozusagen. Das Gegenüber kann man auch nicht vorspulen – somit lernen wir in Gesprächen uns in Geduld zu üben, zuzuhören und auf den anderen einzugehen. Missverständnisse sind seltener und können direkt aus dem Weg geräumt werden.

Kein Wunder also, dass die Kommunikation in Messenger-Diensten vor Irrtümern nur so wimmelt – denn menschliche Verständigung besteht hauptsächlich aus nonverbalen Anteilen.  Gerade mal 7 % machen geschriebene oder gesprochene Wörter aus. Die restlichen 93 % - also Stimme und Körpersprache – bestimmen eigentlich, wie wir unser Gegenüber verstehen. Zwischenmenschliche Kommunikation ist nun mal komplex und unglaublich facettenreich.

Hinzu kommt der enorme Einfluss, den digitale Kommunikation auf unsere Erwartungen und unser Handeln hat. Wer kennt es nicht, dieses bittere Gefühl, wenn der kleine WhatsApp-Gruß nach Stunden immer noch unbeantwortet bleibt? Da ist diese Erwartung, je nach Uhrzeit eine sofortige oder zumindest zeitnahe Antwort zu erhalten. Und umgekehrt auch der Druck, immer und ständig erreichbar zu sein. Ist man neben den Standardchats mit seinen Freunden*innen dann auch noch in Gruppen aktiv, kann das ganz schön stressig werden. Kein Wunder also, dass unsere Gespräche dann Gefahr laufen, eher oberflächlich zu bleiben – kurz und knapp muss es schließlich sein.

 

Der Flaschenhalseffekt

Und auch in der Arbeitswelt müssen wir trotz vorangeschrittener Technologien noch so einiges hinten anstellen - unsere Beziehungsebene zum Beispiel. Denn in der Kommunikation vom Sender zum Empfänger war es seit jeher essenziell, die Qualität des Mediums so rein wie möglich zu halten. Die Information soll schließlich so unbeschädigt wie möglich beim Gegenüber ankommen. Gerade hier gibt es bei virtuellen Videokonferenzen aber noch Luft nach oben – denn es kommt zu einer Art Flaschenhalseffekt: Um Störgeräusche zu minimieren, werden alle anderen Teilnehmer:innen auf stumm gestellt. Wir bemühen uns, schön geordnet nacheinander zu sprechen und ohnehin beschränken wir uns in puncto Körpersprache auf das vermeintlich wichtigste Körperteil – unseren Kopf. Ade also zu lebhaften, leidenschaftlichen Diskussionen?  

Virtuelle Kommunikation ist vor allem eines – effizient. Gespräche wirken dadurch allerdings eher abgehackt und unorganisch. Man zieht es vor, sich auf das vermeintlich wichtigste zu konzentrieren – den Gesprächsgegenstand. So wird auf der Sachebene zwar ausreichend kommuniziert, aber die eigentlich wichtige Ebene – die, in der wir uns menschlich aufeinander beziehen – kommt dabei oft zu kurz.

 

Die goldene Mitte

Fakt ist: die modernen Kommunikationsmöglichkeiten haben die Welt und die Art und Weise, wie wir uns aufeinander beziehen, verändert. Jeder kann heutzutage wann, wo und mit wem er will kommunizieren. So haben WhatsApp und Co. einen echten Mehrwert geschaffen – sie führen Menschen in allen Lebenslagen zueinander.

Die Informationsflut auf der einen Seite und der Mangel an Körpersprache auf der anderen weist uns aber auch auf etwas sehr Wertvolles hin: Die Notwendigkeit, noch achtsamer und reflektierter miteinander zu kommunizieren. Denn Kommunikation will - ob digital oder real - vor allem eines: gelernt sein!

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