Etwa 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung gilt als autistisch – und davon wiederum zählen gut drei Viertel zur Kategorie der Asperger-Autisten. Eine Zeitlang vermeldeten die Statistiken, es seien überwiegend männliche Patienten. Heute weiß man, dass die Annahme allein darauf basierte, dass es bei Frauen eine höhere Dunkelziffer gibt, denn sie lassen sich schlichtweg seltener diagnostizieren. Doch das Bewusstsein für die Thematik steigt, und damit auch die Bereitschaft der Betroffenen, sich ärztliche Hilfe zu suchen.
Die Symptome sind vielfältig. Grundsätzlich leiden die Betroffenen unter Kontaktproblemen, haben Schwierigkeiten mit dem Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen und kommen mit den sozialen Aspekten der Kommunikation nicht gut zurecht. Ähnlich wie bei ADHS sind die Störungen überwiegend genetisch bedingt, und auch die Verarbeitung von Sinnesreizen funktioniert nicht reibungslos. Es kann schnell zu Reizüberflutung und Überforderung kommen.
Sehr typisch für diese Gruppe sind höchst intensive, zuweilen sehr spezifische Interessen, wie man es auch von Greta Thunberg kennt. Dieses Phänomen wiederum ähnelt dem Aspekt des Hyperfokussierens bei ADHS-Patienten. Dazu gesellen sich motorische Auffälligkeiten, ein hohes Bedürfnis nach Beständigkeit und Vorhersehbarkeit, das heißt, Asperger-Autisten mögen keine Überraschungen. Außerdem kommen oftmals psychische Probleme hinzu, die sich schon in jungen Jahren infolge mangelnden Verständnisses für ihre Andersartigkeit entwickeln: Viele Betroffene haben in der Schulzeit das Phänomen des Mobbings durchlitten.
Autismus oder Asperger?
Beide, oft in einem Atemzug genannten Krankheiten sind Teil des Autismus-Spektrums und gehen ineinander über. In medizinischen Fachkreisen zählen sowohl Autismus als auch das Asperger-Syndrom zur Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“. Der wesentliche Unterschied bei „Aspies“ besteht darin, dass sie weder unter einer Verzögerung der Sprachentwicklung leiden noch unter kognitiven Behinderungen, was bei den meisten (aber nicht bei allen) Autisten der Fall ist.
Asperger-Kleinkinder fangen in der Regel mit Gleichaltrigen oder sogar schon etwas früher an zu sprechen, häufig verfügen sie als Heranwachsende über einen ausgeprägten Wortschatz und eine gewählte Ausdrucksweise. Allerdings wird die Sprache auch eher wörtlich genommen – Anspielungen, Witze, Ironie oder Sarkasmus begegnen Asperger-Autisten eher mit Unverständnis.
Behandlung
Wer glaubt, möglicherweise betroffen zu sein, kann wie bei ADHS ein Online-Screening, den sogenannten AQ-Test, durchführen. Auch hier gilt: Das Ergebnis dient einer ersten Selbsteinschätzung und ersetzt keinesfalls eine Diagnose. Diese muss ein Facharzt erstellen, in der Regel gehen dem Ganzen ausführliche Gespräche und eine Einordnung deines Verhaltens voraus. Wesentlich ist ebenfalls, dass sich die Symptome bereits in der Kindheit gezeigt haben.
Heilbar ist die Krankheit genauso wenig wie ADHS, doch es gibt gute Wege, wie du mit den Einschränkungen umzugehen lernst. Dazu zählen vor allem Soziales Kompetenztraining, Ergo- und Psychotherapie. In der Behandlung werden zuweilen auch bestimmte Psychopharmaka eingesetzt, um die Begleiterscheinungen wie Angstzustände, Depressionen und Ähnliches zu lindern.
Autistic Pride und Neurodiversität – eine „Superkraft“
Während Mediziner die „Autismus-Spektrum-Störung“ vor allem als eine Behinderung einordnen, sehen das viele Betroffene ganz anders. In der Autistic-Pride-Bewegung fordert man eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz – und ist damit auf dem besten Wege in puncto Selbstbewusstsein. Deshalb zum Abschluss hier noch ein paar positive Stimmen zum Thema.
In ihrem Manifest „Die Entdeckung von Aspie“ aus dem Jahr 1999 nahmen die Autoren Carol Gray und Tony Attwood die positiven Seiten der Erkrankung unter die Lupe. „Ich sehe Menschen mit Asperger-Syndrom als einen leuchtenden Faden im Wandteppich des Lebens“, meint Toy Attwood, und betont: „Das Asperger-Syndrom war wahrscheinlich über die ganze Evolutionsgeschichte hinweg eine wichtige und wertvolle Eigenschaft unserer Spezies.“
Auch der Namensgeber Hans Asperger (österreichischer Kinderarzt, 1906–1980) vermutete: „Es scheint, als wäre für gewisse wissenschaftliche oder künstlerische Höchstleistungen ein Schuss Autismus geradezu notwendig.“ Weniger euphorisch, aber doch positiv steht Greta Thunberg dem Ganzen gegenüber: „Nein, Autismus ist keine Begabung (…) Aber unter den richtigen Umständen und mit den richtigen Anpassungen KANN es eine Superkraft sein.“
Quellen und weitere Informationen:
https://autismus-kultur.de/asperger/
https://www.quarks.de/gesundheit/autismus-diagnose-mit-35/
